Aktivismus
Oder Artivismus? Ist auch egal, denn wir alle tragen Verantwortung gegen Rechtsruck. Dieser Widerstand, diese Dringlichkeit soll überall, auf Bühnen, in den Zwischenräumen der Institutionen und im Stadtraum sichtbar werden.
A
Oder Artivismus? Ist auch egal, denn wir alle tragen Verantwortung gegen Rechtsruck. Dieser Widerstand, diese Dringlichkeit soll überall, auf Bühnen, in den Zwischenräumen der Institutionen und im Stadtraum sichtbar werden.
B
Wo ist die Bühne? Überall. Das Luftgeschoss, die Baulücke, die Dachlandschaft, der „hier passiert nichts“-Ort. Für uns ist die Bühne ein temporärer Möglichkeitsraum, der Machtverhältnisse ausleuchtet und das Unsichtbare ins Rampenlicht zerrt. Jede:r kann sie betreten, nutzen, umdeuten. So wird die Stadt zur Bühne, laut, leise oder radikal unauffällig. Manchmal beginnt alles mit einem Schritt über eine unsichtbare Schwelle.
C
Wir ziehen uns an, um dazuzugehören. Blaue Uniform, Arbeitskleidung, Makler-Look oder Architekt:innen-Outfit – und schon sind wir Teil des Stadtbilds. Unsere Rollen sind flexibel, unsere Identitäten verhandelbar. Getarnt bewegen wir uns durch Grauzonen, stellen Fragen und forschen investigativ. Camouflage schützt, öffnet Türen und stiftet Verwirrung: Ist das noch Alltag oder schon Aktion? Genau da beginnt unsere Arbeit.
D
Die Discokugel ist gleichzeitig Objekt und Raum. Das Licht bricht sich in den Echtglasfassetten und wird in unzählige Punkte aufgeteilt. Eine Discokugel muss sich drehen, immer. Sie zieht die Blicke auf sich, wie ein funkelnder Ball, der im Mittelpunkt stehen will. Drum herum entsteht ein Raum, temporär, glitzernd. Studionight im Atelier, Eingang markieren von einer Lagerhalle, den ganzen Hof und die umliegenden Häuser beleuchten – die Frage ist nur, wie hell der Spot leuchten kann.
E
Wir verstehen Empowern als Power Sharing: Stimmen und Handlungsspielräume werden hörbar, sichtbar und geteilt. Können wir bei uns anfangen – Privilegien checken, Machtstrukturen offenlegen? So wird Empowern zu einem kollektiven, intersektionalen Akt, der Körper, Räume und Beziehungen neu denkt, hinterfragt und verhandelt. Der Weg zu einem gerechten Miteinander bleibt ein ständiges Learning.
F
Um die Stadt wirklich zu verstehen, muss man näher heranzoomen. Das Fernrohr schärft den Blick für Details, die sonst übersehen werden – am besten dort platziert, wo Immobilienspekulation sich unauffällig tarnt. Durch das genaue Hinsehen entsteht ein physisches Verhältnis zum Ort. Neue Fragen tauchen auf. Nähe wird politisch.
G
Man muss die Gesetze kennen, um auf der dünnen Linie der Grauzonen zu balancieren. 2012 wurden wir Guerilla Architects aus Liebe zu einem Gesetz: Section 6 of the Criminal Law Act 1977 in Großbritannien macht es strafbar, in ein besetztes Gebäude gewaltsam einzudringen – auch für die Polizei. Schlupflöcher finden macht Spaß. Wir wurden Guerilla Architects, um die ungenutzten Ressourcen anzuzapfen, die aus Spekulation und Überproduktion in unseren Städten fließen, und sie zurück in die Gemeinschaft zu bringen. Wir lieben Risse im Gesetz, wenn sie den Menschen dienen und nicht der Macht. Guerillas haben nicht viele Mittel, aber sie agieren schnell. Alleine geht es nicht – Guerillas leben von der Unterstützung der lokalen Communities.
H
Was du siehst, während du entlang der Straßen deiner Stadt schlenderst, sind keine Häuser, sondern Assets auf dem Finanzmarkt. Eine Firma kauft dein Haus, packt es ins Portfolio einer Gesellschaft und verkauft Anteile dieser Gesellschaft an eine größere Firma. Diese verkauft weiter, und so weiter – und umgeht somit die Grunderwerbsteuer. Das kann wenige Sekunden dauern. Plötzlich ist dein Haus – mit seinen Türen, Fensterrahmen, Hinterhöfen, Fahrradständern, Balkonen, Pflanzen, Nummernschildern und Bewohner:innen – nicht mehr in Berlin, sondern in Luxemburg, auf Zypern oder in der Karibik. Leider sind die Cocktails am Strand nicht für dich, sorry.
I
Bewusste Störungen des Gewohnten, die unsere Wahrnehmung und Routinen infrage stellen. Kleine Verschiebungen, unerwartete Aktionen oder ungewohnte räumliche Situationen öffnen neue Blickwinkel und dienen als Ausgangspunkt, um mit Bewohner:innen als Expert:innen ihres Alltags ins Gespräch zu kommen.
J
Jetzt heißt nicht später, nicht im nächsten Förderzyklus und nicht nach der nächsten Ausschuss. Jetzt ist der Moment, in dem wir handeln, testen, stören. Unsere Arbeit passiert im Jetzt: situativ, dringlich, manchmal improvisiert. Jetzt vergisst nicht, was davor war – es trägt Geschichte, Konflikte und Spuren mit sich. Jetzt ist kein Zustand, sondern eine aktive Entscheidung für Eingreifen statt Abwarten, für Machen statt Vertagen. Die Stadt wartet nicht.
K
Kompliz:innen sind die Menschen und Nicht-Menschen, die unsere Arbeit ermöglichen. Die mit uns Pläne schmieden und dann mit uns draußen stehen, bei Sonne oder Regen. Kompliz:innen sind Partner:innen, Bande, Schlüssel, Expert:innen vor Ort. Die besten findet man an ungewöhnlichen Orten – überraschend und unersetzbar. Mit Kompliz:innen teilt man Kämpfe, Erfolge und Scheitern, aber vor allem die Zuversicht, dass eine bessere Welt möglich ist.
L
“We have the right to stay here!” Unsere Mission begann 2012 in London in einem von 72.000 leerstehenden Häusern. Wir haben es besetzt, belebt und bearbeitet. Gemeinsam haben wir Grenzen überschritten, Extreme ausgelotet und neue Realitäten erschaffen. Diese Erfahrung prägt uns bis heute und nährt unseren Willen nach Veränderungen im kapitalistischen System.
M
Entgegen der Überzeugung, dass man groß bauen muss, um großen Wert zu schaffen, greifen wir auf ungenutzte Räume und Ressourcen zurück. Bei der Arbeit mit vorhandenen Strukturen sind häufig nur minimalinvasive Eingriffe erforderlich, um zuvor unsichtbaren Räumen eine neue Bedeutung zu verleihen.
N
Nachbarschaften sind das Spielfeld lebendiger Räume. Sie entstehen nicht durch Adressen, sondern durch Verbundenheit: durch Vorbeigehen, Erinnern, Bleiben oder Einmischen – in Form von Wahlnachbarschaft. Jede:r kann Nachbar:in und Kompliz:in werden, Teil eines Ortes. Nachbarschaft trägt Wissen, Erfahrung und Visionen für räumliche Veränderung.
O
Wo fängt er an, wo hört er auf? Wer zieht die unsichtbaren Linien? Ungeschriebene Gesetze, soziale Codes, Schilder und Stadtmöbel definieren ihn. Unsere Aufgabe: diese Grenzen zu verschieben, prüfen, wer bleiben darf, wer rausfliegt. Öffentlicher Raum ist Bühne und Labor der Demokratie. Platz für Begegnung, Protest, körperliche Präsenz/Aktion und alles, was wir zusammen denken und tun wollen.
P
Wir stürmen den Stadtraum: mal als Kellner:innen, die revolutionäre Cookies servieren, mal als Dino, der mit jedem Schritt Bürokratie zertrampelt. Mit Kostümen, Körpern, die Räume verändern und aktivieren, Gesten und starken Worten machen wir Unsichtbares sichtbar. Kompliz:innen vor Ort mischen mit und entfesseln das performative Potenzial der Stadt.
Q
Beschreibt eine Fläche von 1000 mal 1000 Metern, kurz km². Für uns eine Methode der Recherche, wir ziehen eine Quadratkilometer-große Messprobe aus dem Stadtraum heraus. Wie ein Stein, der umgedreht wird. Welche Bewohner:innen wohnen hier? Wie ist die Stadt aufgebaut? Wer wohnt hier schon immer, wer ist neu, wer wird verdrängt? Wer trägt die Verantwortung für den Ausverkauf der Stadt? Der Quadratkilometer ist die Grundlage für die Reihe »1 km² Berlin«.
R
Raum entsteht zwischen Menschen, in Blicken, Abständen, Bewegungen und Regeln. Neutral ist er nie – er grenzt aus und schließt ein, ordnet, entscheidet, verteilt Möglichkeiten. Räume zu lesen, ihre Setzungen sichtbar zu machen, umzudeuten und zu bespielen ist eine praxis des Eingreifens und Widerständigen Gestaltens. Raum ist Handlung und Verhandlung– temporär, konkret, aktiv, immer im Fluss.
S
Simulation als künstlerische Methode: Wir simulieren ein Appartement, das letzte bezahlbare der Stadt. Wir simulieren ein Restaurant, ein Reisebüro, eine Mondlandung, ein Bundesverfassungsgericht, einen Showroom, eine Immobilienmaklerin, eine Schautafel, eine Ausstellung. Wir verkaufen Kekse, Immobilien. Die Simulation wird getragen von der Camouflage. Das Publikum bleibt gezielt im Unklaren. Anzeichen gibt es immer, versteckt in den Details. Oft ist Simulation und Realität am Ende das gleiche.
T
Transdisziplinär beschreibt das Überschreiten von Disziplingrenzen in einem gemeinsamen Projekt, besonders zwischen Wissenschaft und Praxis, Forschung und Gesellschaft, Theorie und Kunst, Politik und Zivilgesellschaft. Für eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe muss eine gemeinsame Ausdrucksform und Sprache gefunden werden, die alle einschließt. Wir arbeiten gern transdisziplinär – mit allen Akteur:innen und ihren ganz Unterschiedlichen Methoden an einen Tisch.
U
Unsichtbar ist nicht, was nicht da ist, sondern was übersehen, verdrängt oder bewusst ausgeblendet wird. Menschen, Arbeit, Räume, Geschichten. Unsichtbarkeit ist kein Zufall, sondern ein System. Sie aufzuheben kostet Aufmerksamkeit und braucht Aktivismus. Was im Stadtraum fehlt, muss benannt, erinnert und erforscht werden. Sichtbarmachen heißt hinschauen, benennen, stören und das Verborgene zurück in den Raum holen.
V
Vernetzt heißt: nicht alleine machen. Es braucht Kompliz:innen vor Ort und Verbündete in der Ferne. Menschen, die Wissen teilen, Impulse weitertragen, Türen öffnen – immer mit Blick auf das Gemeinwohl. Netzwerke entstehen auf vielen Ebenen, informell, kurzfristig, dauerhaft. Sie wachsen durch Austausch, Vertrauen und gemeinsames Handeln. Vernetzung ist kein Tool, sondern eine Praxis: gemeinsam loslegen, lernen, weitermachen und manchmal auch scheitern.
W
Wir ist kein festes Team und keine abgeschlossene Gruppe. Wir ist beweglich, kontextbezogen und widersprüchlich. Es entsteht im Tun – mit Kompliz:innen, Mitstreiter:innen und dynamischen Zufallsbekanntschaften. Wer mitmacht, mischt das Wir neu. Wir heißt: Verantwortung teilen, Autorität verschieben, gemeinsam handeln. Unser Wir bleibt offen, verhandelbar und dauerhaft in Bewegung.
X
Bei X ist uns noch nichts eingefallen. Manchmal ist es besser eine Idee noch etwas ruhen zu lassen, als etwas zu forcieren. Die besten Ideen kommen manchmal einfach so, ganz aus dem nichts. Xylophon können wir leider nicht spielen. Vielleicht hast du ja eine Idee? Schreib uns gerne eine Mail! Wir freuen uns!
Y
Ja, das Gegenteil von Nein. Ja kann ein Projekt starten. Ja kann eine Zusammenarbeit starten. Ja kann Interesse wecken. Ja kann ziemlich viel ermöglichen. Ein Ja von den richtigen Leuten kann eine Recherche ziemlich voranbringen. Ja ist auch nicht immer ganz so gemeint. Ja kann aber auch einfach nur viel Arbeit bedeuten, manchmal also vielleicht doch besser Nein. Ja, Nein, Vielleicht.
Z
Zugang bedeutet den Schlüssel zu bekommen. Das ist, wenn wir am glücklichsten sind. Zugang bekommen bedeutet Vertrauen gewinnen. Es bedeutet sich dabei zu fragen: wer bekommt keinen Zugang und warum? Und ob wir jeden Raum für uns beanspruchen sollen, oder lieber Platz für andere machen. Zugang ist auch die Frage nach Macht: Wer öffnet? Zugang ist Liebe.