Reifenlager

Common Co-Creation eines Underground-Clubs in 5 Tagen

#3000Garages war ein zentraler Bestandteil der Bewerbung von Chemnitz als Kulturhauptstadt Europas 2025. Das Projekt untersuchte das gemeinschaftsstiftende, kreative und kulturelle Potenzial von Garagenanlagen, die in der sozialistischen Ära kollektiv errichtet wurden und bis heute das Stadtbild von Chemnitz sowie vieler postsozialistischer Städte Mittel- und Osteuropas prägen.

Im Rahmen einer interdisziplinären Summer School erforschten lokale und internationale Akteur:innen aus Kunst, Architektur, Urbanistik und Kulturwissenschaften die vielfältigen sozialen Praktiken rund um die Chemnitzer Garagen. Im Fokus standen dabei seit DDR-Zeiten gelebte Konzepte von Nachhaltigkeit, Reparaturkultur und gemeinschaftlicher Nutzung – Strategien, die aus damaligen Mangelbedingungen hervorgingen und heute als mögliche Antworten auf aktuelle Herausforderungen wie Klimakrise und Ressourcenknappheit neu gelesen werden können.

Reifenlager entstand als kollektive räumliche Praxis, die auf gemeinschaftlichem Bauen und gegenseitigem Lernen beruht. Dabei wurden bestehende Infrastrukturen gemeinsam angeeignet und für eine langfristige, selbstorganisierte Nutzung weiterentwickelt. Ausgangspunkt war der Mangel an selbstorganisierten, nicht-kommerziellen Räumen für junge Menschen in Chemnitz. Gemeinsam mit der Community rund um die Schrauberhalle von Bagalut Customs wurde ein bislang ungenutzter Keller unter der Garage als sozialer, räumlicher und technischer Möglichkeitsraum begriffen, dessen vorhandene Ressourcen aktiviert und weiterentwickelt werden konnten.

Im Rahmen eines fünftägigen Workshops arbeiteten internationale Studierende, lokale Akteur:innen und die Bagalut-Community in einem offenen, iterativen Prozess des gemeinsamen Entwerfens, Bauens und Erprobens. Zentrales Ausgangsmaterial waren die im Raum bereits vorhandenen Reifen. Zu Beginn stand eine Einführung in deren Eigenschaften, Bearbeitungsweisen und die sichere Nutzung der entsprechenden Werkzeuge. Diese gemeinsame Wissensbasis ermöglichte es, gestalterische und funktionale Entscheidungen kollektiv zu treffen und im weiteren Verlauf kontinuierlich anzupassen. Besonderer Dank gilt Jan Körbes von Refunc, der diesen Lernprozess mit seinem umfassenden Erfahrungswissen entscheidend unterstützte.

Im Keller der Schrauberhalle entstand so schrittweise ein Drum-&-Bass-Club als dauerhaft nutzbare Infrastruktur: mit Tanzfläche, DJ-Pult, Bar, Garderobe sowie einem Außenbereich mit BBQ-Ecke. Ergänzend wurden auf lokalen Schrottplätzen weitere Materialien gesammelt – darunter Autospiegel, Rücklichter, Karosserieelemente, Federn und Metalle –, die als ästhetische wie funktionale Bauteile in den Raum integriert wurden. Auch die gesamte technische Ausstattung wurde als integraler Bestandteil des Projekts verstanden: Licht, Verkabelung, Stromverteilung und Soundtechnik wurden gemeinsam geplant, installiert und in Betrieb genommen. Die von Bagalut Customs realisierte Lüftungsanlage aus gebrauchten Ventilatoren fügt sich in diese Logik einer selbstgebauten, ressourcenschonenden Technik ein.

Reifenlager ging dabei über ein reines Re-Design hinaus. Der Prozess umfasste ebenso die vorbereitenden und oft unsichtbaren Arbeiten des Raum-Machens: das Reinigen, Zugänglichmachen, Absichern und infrastrukturelle Ertüchtigen ebenso wie die programmatische Konzeption und Umsetzung des Eröffnungsabends. Dieser wurde zusammen mit jungen lokalen DJs gestaltet und markierte die Aktivierung des Raums als kollektive Nutzungseinheit.

Der entstandene Raum bleibt erhalten und wird weiterhin von Bagalut Customs als Party-, Arbeits- und Treffpunkt genutzt. Auf diese Weise wurde keine temporäre Installation, sondern eine nachhaltige soziale und räumliche Infrastruktur geschaffen – ein Beispiel für gelebtes Commoning, materialbasierte Nachhaltigkeit und die fortdauernde Aneignung urbaner Räume im Sinne von #3000Garages.

Team

Kompliz:innen

Künstlerische Leiterin #3000Garagen

Agnieszka Kubicka-Dzieduszycka

Projektkoordinatorin #3000Garagen

Michelle Auerbach

Kuration Garagenschule

Alex Römer

Sophie Netzer

Studierende

Emma Schoentjes, Enya Christeleit, Nina Tomczak, Thore Püschel

Rahmen

School of Garages, Teil des Flagship-Projektes #3000Garagen

Förderer und Auftraggeber:innen

Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025

Zeit und Ort

26. 08. – 01. 09. 2025
Bagalut Schrauberhalle, Chemnitz, DE

© Emma Schoentjes